oder »Die Leiden des jungen Dichters« (für Philip)
Wenn jemand ein Gedicht erzählt,
hält mancher Mensch den Atem an.
Ein and’rer schaut doch recht gequält,
denn er hat keinen Spaß daran.
Ein dritter sprüht vor Emotion
er applaudiert ganz ohne Zwang.
Das ist des Dichters wahrer Lohn:
Ein Publikum voll Tatendrang.
Doch gibt es leider Hörerschaft,
und jene hat man dann und wann
die schweigen mit Zerstörer-Kraft,
und dem Poet wird Angst und Bang’.
Sie klatschen nicht, sie buhen nicht,
verharren reglos stundenlang.
Sie quatschen nicht, doch tuen schlicht
als wär’ die Lesung nicht im Gang.
Ja, diese Welt ist ungerecht!
Schlimm, was alles geschehen kann.
Ein Tag ist gut, ein anderer schlecht
und ändern kann man nichts daran.
Jedoch wenn die Verzweiflung droht
und es erklingt der Abgesang,
bekämpft der Reimeschmied die Not
zur Rettung vor dem Untergang.
Er schockt seine Besucher schnell
mit Pyroblitz und Sprechgesang,
trägt dazu nur ein Bärenfell
und brüllt ohne Zusammenhang
in einem fort durchs Megafon.
bis jeder Gast nur flucht und zankt.
So kriegt er endlich Reaktion:
War das denn jetzt zu viel verlangt?

056. Babysitter
Herr Muster möchte Sitter sein,
für Kinder, groß- und kleine.
Dann läd er kesse Witwen ein
und flunkert: „Das sind meine!“
Er wird zum Held der Witwenwelt,
bestellt sie in die Kiste.
Er will ihr allerbestes: Geld –
führt über beides Liste.
Die Kinder sind zum Dienst verdammt,
da keift ein radikales,
Witwenweib: „Ich komm’ vom Amt,
für »Jugend und Soziales«!“
Als Strafe muss das Musterlein
Sozialarbeiten leisten
und sittet im Seniorenheim
die Alten und Vergreisten.